Medizinisch geprüft · 25.10.2026
Cannabis und Psychose: Wovon das Risiko abhängt
THC-Gehalt, Konsumhäufigkeit und persönliche Veranlagung bestimmen das Psychoserisiko. Eine Genstudie aus London findet gemeinsame biologische Pfade.
Forschende des King’s College London haben 2026 in „Biological Psychiatry Global Open Science“ gemeinsame genetische Pfade von Cannabisabhängigkeit und Psychosen beschrieben. Für Patient:innen in Deutschland, die THC-haltige Medikamente erhalten, ordnet die Studie gemeinsam mit älteren Übersichtsarbeiten ein, wer besonders aufmerksam sein sollte.
Genetische Überschneidungen mit Psychosen
Das Team um Marta Di Forti, Professorin für Drogenkonsum, Genetik und Psychose am Institute of Psychiatry, Psychology & Neuroscience des King’s College, wertete Genomdaten von 547.508 Menschen aus. Darunter waren Personen mit Schizophrenie oder einer Bipolar-I-Störung, die die Forschenden zu einem breiten Psychose-Merkmal zusammenfassten. Sie fanden 553 unabhängige Genorte, die mit diesem Merkmal verknüpft sind, 122 davon erstmals.
Mit einer Mendelschen Randomisierung, einem statistischen Verfahren zur Abschätzung von Ursache und Wirkung, ergaben sich Hinweise auf einen Zusammenhang in beide Richtungen. Eine Cannabisabhängigkeit erhöht demnach das Psychoserisiko, und eine genetische Neigung zu Psychosen erhöht das Risiko für eine Cannabisabhängigkeit. Als gemeinsamen biologischen Pfad heben die Autor:innen Signalwege rund um den Botenstoff Glutamat hervor. Einen Gentest für die Praxis, der das persönliche Risiko vorhersagt, gibt es bislang nicht.
THC-Gehalt und Vorerkrankungen zählen
Eine Übersichtsarbeit in „The Lancet Psychiatry“ aus dem Jahr 2022 wertete 20 Studien zur Stärke von Cannabis aus, acht davon zu Psychosen. Höher potentes Cannabis war insgesamt mit einem größeren Risiko für Psychosen und Cannabisabhängigkeit verbunden als schwächere Produkte. Auch Häufigkeit und Menge des Konsums spielen eine Rolle.
Besonders deutlich ist ein Befund aus „Schizophrenia Bulletin“ von 2020. Von Menschen, bei denen eine cannabisinduzierte Psychose diagnostiziert worden war, erhielten 34 Prozent später die Diagnose Schizophrenie. Diese Schätzung beruht auf sechs Studien mit 3.040 Personen. Eine solche Episode gilt daher als Warnzeichen für eine bleibende Anfälligkeit.
Die meisten Daten stammen aus dem Freizeitkonsum von Cannabis unbekannter Herkunft. Verschriebene Präparate haben einen definierten Wirkstoffgehalt und werden ärztlich begleitet. Wie stark sich die Risikoschätzungen auf Patient:innen mit ärztlich verordnetem Cannabis übertragen lassen, ist bislang offen. Bei medizinischer Anwendung werden THC-Präparate allerdings oft täglich und über lange Zeit eingenommen.
Was das für Patient:innen bedeutet
Die britische Fachgesellschaft Medical Cannabis Clinicians Society nennt eine frühere Psychose oder Schizophrenie als wichtigste Gegenanzeige für THC-haltige Präparate, vor allem wenn die Erkrankung aktuell oder instabil ist. Warnsignale während einer Therapie sind neue Misstrauensgefühle, ungewöhnliche Überzeugungen, Wahrnehmungsstörungen oder ein steigender Verbrauch.
Geben Sie im ärztlichen Erstgespräch ausdrücklich an, ob bei Ihnen selbst, Ihren Eltern oder Geschwistern jemals eine Psychose, Schizophrenie oder bipolare Störung diagnostiziert wurde. Diese Angabe beeinflusst, ob und mit welchem THC-Gehalt eine Behandlung infrage kommt.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.
Quellen
- Biological Psychiatry Global Open Science: Genetic Pathways Point to the Biology Underlying the Association Between Cannabis Use Disorder and Psychosis ·
- Schizophrenia Bulletin: Transition of Substance-Induced, Brief, and Atypical Psychoses to Schizophrenia: A Systematic Review and Meta-analysis ·
- The Lancet Psychiatry: Association of cannabis potency with mental ill health and addiction: a systematic review ·
- Cannabis Health: Cannabis and Psychosis: Separating Risk from Rhetoric ·
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