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Medizinisch geprüft · 25.10.2026

Dänische Registerstudie 2022: Herzrhythmus-Risiko unter Cannabis

Auf dem ESC-Kongress 2022 zeigten dänische Registerdaten bei Schmerzpatient:innen mit Medizinalcannabis ein höheres, aber kleines Risiko für Rhythmusstörungen.

Medizinische Fachkraft befestigt eine EKG-Elektrode am Arm eines Patienten
Foto: U.S. Air Force photo by Senior Airman Zachary Nordheim , Public domain , via Wikimedia Commons

Ein 2022 im European Heart Journal veröffentlichtes Abstract zu dänischen Registerdaten beschrieb bei Patient:innen mit chronischen Schmerzen ein erhöhtes relatives Risiko für neue Herzrhythmusstörungen innerhalb von 180 Tagen nach Beginn einer Medizinalcannabis-Behandlung; der absolute Risikounterschied war klein.

Die Studie

Grundlage waren dänische Gesundheitsregister. Die Auswertung umfasste Schmerzpatient:innen, die zwischen 2018 und 2021 erstmals ein Cannabispräparat einlösten; sie wurden mit Patient:innen ohne Cannabisbehandlung verglichen. Die Zuordnung erfolgte im Verhältnis 1:10 nach Altersgruppe, Geschlecht und Schmerzdiagnose.

Die Kohorte umfasste 1,6 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen; 4.562 davon lösten mindestens ein Cannabisrezept ein. Erfasst wurden die 180-Tage-Risiken für neue Herzrhythmusstörungen, akutes Koronarsyndrom und Herzinsuffizienz.

Die Ergebnisse

Neue Rhythmusstörungen traten in der Cannabisgruppe bei 0,71 Prozent auf, in der Vergleichsgruppe bei 0,43 Prozent. Das entspricht einem relativen Risiko von 1,64. Für akutes Koronarsyndrom und Herzinsuffizienz ergab sich kein erhöhtes Risiko. Subgruppenanalysen zu den einzelnen Schmerzgruppen ergaben ähnliche Ergebnisse.

Die Cannabisgruppe war etwas häufiger komorbid und nahm häufiger weitere Schmerzmittel ein. Diese Unterschiede begrenzen die Vergleichbarkeit der Gruppen. Als Registerstudie kann die Arbeit einen Zusammenhang zeigen, aber keinen Kausalzusammenhang belegen.

Was daraus wurde

Die Vollpublikation erschien am 11. Januar 2024 im European Heart Journal (Holt et al., Band 45, S. 475–484). Ihre Zahlen weichen von denen des Abstracts ab, die ausgewertete Kohorte war größer. Sie wertete die Registerdaten von 1,88 Millionen Menschen mit chronischen Schmerzen aus. Davon hatten 46 Prozent muskuloskelettale Schmerzen, 11 Prozent eine Krebserkrankung, 13 Prozent eine neurologische Diagnose und 30 Prozent eine nicht näher bezeichnete Schmerzdiagnose. 5.391 Personen lösten ein Cannabisrezept ein; 63,2 Prozent waren Frauen, das Medianalter lag bei 59 Jahren (Interquartilsabstand 48 bis 70 Jahre). Zum Vergleich standen 26.941 Kontrollen ohne Cannabisbehandlung zur Verfügung. Auch sie hatten chronische Schmerzen; im Verhältnis 1:5 wurden sie nach Alter, Geschlecht, Schmerzdiagnose sowie der Einnahme von nichtsteroidalen Antirheumatika, Antiepileptika oder Opioiden zugeordnet. Der Vergleich bildet damit zwei Gruppen aus einer Schmerzversorgung ab, nicht den Unterschied zwischen Behandelten und der Allgemeinbevölkerung.

Während des dänischen Pilotprogramms waren Präparate mit einer Kombination aus CBD und THC auf Rezept erhältlich; reine CBD- oder THC-Präparate konnten einzelne Apotheken auf Bestellung herstellen. Angeboten wurden Inhalatoren, Sprays für die Mundschleimhaut, orale Lösungen, Tabletten und Kapseln. Die Register erfassten nicht, über welchen Verabreichungsweg die Patient:innen ihre Präparate nutzten.

Als neue Rhythmusstörung zählten die Autor:innen Vorhofflimmern oder -flattern, Erregungsleitungsstörungen, paroxysmale Tachykardien und ventrikuläre Arrhythmien. In den ersten 180 Tagen wurden solche Diagnosen bei 42 Cannabis-Patient:innen und 107 Kontrollen erfasst. Die absoluten Risiken lagen bei 0,8 und 0,4 Prozent; das relative Risiko betrug 2,07 (95-Prozent-Konfidenzintervall 1,34 bis 2,80). Nach einem Jahr lag das relative Risiko bei 1,36 (1,00 bis 1,73). Für das akute Koronarsyndrom fand sich kein signifikanter Zusammenhang (relatives Risiko 1,20; 95-Prozent-Konfidenzintervall 0,35 bis 2,04). Die Autor:innen beschreiben eine Assoziation, keinen Kausalnachweis; am stärksten war sie in den ersten 180 Tagen.

In Sensitivitätsanalysen blieb der Zusammenhang bei einer breiteren Arrhythmie-Definition (relatives Risiko 1,90; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,42 bis 2,37), bei der alleinigen Auswertung von Vorhofflimmern und -flattern (2,04; 1,19 bis 2,89) sowie nach inverser Wahrscheinlichkeitsgewichtung (2,07; 1,30 bis 2,83) ähnlich. Wurden erst Personen mit einer zweiten eingelösten Cannabisverordnung als exponiert gezählt, war der Zusammenhang nicht mehr statistisch signifikant (1,40; 0,67 bis 2,13). Die Autor:innen weisen darauf hin, dass nicht alle Personen eine zweite Verordnung einlösten; eine nicht fortgesetzte Behandlung könnte die Schätzung in Richtung eines fehlenden Zusammenhangs verschieben.

Dänemark hat seine Versuchsordnung inzwischen mit dem Gesetz Nr. 439 vom 6. Mai 2025 in eine dauerhafte Regelung überführt.

Der absolute Unterschied zwischen den Gruppen betrug nach 180 Tagen 0,4 Prozentpunkte. Die Ein-Jahres-Schätzung fiel geringer aus als die für die ersten sechs Monate; ihr Konfidenzintervall reichte bis 1,00. Die Register enthielten keine Angaben zum Schweregrad der Schmerzen, zu klinischen Messwerten, Bluttests oder Lebensstilfaktoren; Restkonfundierung lässt sich deshalb nicht ausschließen. Die Autor:innen nennen außerdem die fehlenden Angaben zum Verabreichungsweg als Einschränkung und weisen darauf hin, dass die breite Definition chronischer Schmerzen eine heterogene Kohorte ergibt. Wegen des vergleichsweise niedrigen Alters und der geringen Komorbidität lassen sich die absoluten Risiken nicht ohne Weiteres auf Gruppen mit höherem Grundrisiko übertragen.

Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung.

Quellen

  1. European Heart Journal: Cardiovascular risk following cannabinoid treatment for patients with chronic pain (European Heart Journal, Vol. 43, Suppl. 2) ·
  2. European Heart Journal (PubMed 38200679): Cannabis for chronic pain: cardiovascular safety in a nationwide Danish study ·
  3. European Heart Journal: Cannabis for chronic pain: cardiovascular safety in a nationwide Danish study ·
  4. Københavns Universitet, Forskningsportal: Cannabis for chronic pain: cardiovascular safety in a nationwide Danish study ·
  5. Retsinformation: Lov nr. 439 af 06/05/2025 (Permanent ordning med medicinsk cannabis) ·

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