Cannabis-Importmengen: So lesen Sie die BfArM-Statistik
Das BfArM meldet vierteljährlich, wie viele Cannabisblüten nach Deutschland kommen. Was die Zahlen zeigen, warum sie sich ändern und was sie nicht messen.
Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) veröffentlicht vierteljährlich, wie viele getrocknete Cannabisblüten zu medizinischen und wissenschaftlichen Zwecken nach Deutschland eingeführt wurden. Für 2025 weist die Behörde rund 205 Tonnen aus, fast dreimal so viel wie 2024. Die Zahl beschreibt Ware, die die Grenze passiert hat. Wie viel davon in Apotheken ankommt und wie viele Menschen sie nutzen, lässt sich daraus nicht ablesen.
Woher die Zahlen kommen
Wer Medizinalcannabis einführen will, braucht eine Erlaubnis der Bundesopiumstelle im BfArM nach § 4 des Medizinal-Cannabisgesetzes (MedCanG). Über §§ 12 und 14 MedCanG gelten zusätzlich die Regeln der Betäubungsmittel-Außenhandelsverordnung. Jede Einfuhr müssen die Unternehmen der Bundesopiumstelle melden. Aus diesen Meldungen entsteht die Statistik, die das BfArM in seinen FAQ zu Ein- und Ausfuhr als Grafik veröffentlicht.
Die Behörde steuert die Importe nicht. Sie erteilt Erlaubnisse und Genehmigungen, hat aber nach eigener Darstellung keinen Einfluss darauf, ob und wie viel die berechtigten Unternehmen tatsächlich einführen. Auch die beantragten Jahreshöchstmengen beruhen auf der Planung der Firmen und sagen nichts über den Bedarf aus.
Die Entwicklung seit 2017
Seit dem Gesetz „Cannabis als Medizin“ vom März 2017 sind die Mengen fast jedes Jahr gestiegen. Bis 2023 führte das BfArM Blüten und Extrakte gemeinsam auf; Extrakte rechnete es dafür in die Blütenmenge um, die zu ihrer Herstellung nötig war. Nach den Quartalswerten der Grafik ergeben sich diese Jahressummen:
- 2017: rund 1,8 Tonnen
- 2018: rund 4,5 Tonnen
- 2019: rund 8,1 Tonnen
- 2020: rund 11,7 Tonnen
- 2021: rund 20,8 Tonnen
- 2022: rund 24,9 Tonnen
- 2023: rund 32,5 Tonnen
Seit 2024 zeigt die Grafik nur noch getrocknete Blüten. Für 2024 summieren sich die vier Quartale auf rund 72,9 Tonnen, für 2025 auf rund 205,1 Tonnen. Im ersten Quartal 2026 waren es 67,6 Tonnen, knapp 80 Prozent mehr als im ersten Quartal 2025 mit 37,7 Tonnen.
Der Verlauf innerhalb des Jahres 2024 zeigt, wann der Anstieg einsetzte: Im ersten Quartal kamen 8,1 Tonnen ins Land, im zweiten 11,6, im dritten 20,7 und im vierten 32,4 Tonnen. Der Sprung beginnt mit dem Inkrafttreten des MedCanG am 1. April 2024, das Medizinalcannabis aus dem Betäubungsmittelrecht herauslöste. Welche Rolle die neuen Regeln für den Anstieg im Einzelnen gespielt haben, weist die Statistik selbst nicht aus.
Warum sich alte Werte noch ändern
Die Grafik bildet den Datenstand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung ab. Weil Unternehmen Einfuhren teils verspätet melden, sind die Zahlen eines abgeschlossenen Quartals zunächst unvollständig. Das BfArM veröffentlicht ein Quartal deshalb frühestens drei Monate nach dessen Ende und korrigiert ältere Werte, wenn Meldungen nachkommen.
Wie groß diese Korrekturen sein können, zeigt das erste Quartal 2026: Zunächst wies das BfArM dafür 50,5 Tonnen aus, in der aktualisierten Fassung stehen 67,6 Tonnen, rund ein Drittel mehr. Auch ältere Jahre verschieben sich. Im März 2022 nannte das BfArM für 2021 rund 20,6 Tonnen, die heutige Grafik ergibt für dasselbe Jahr rund 20,8 Tonnen.
Für die Lektüre heißt das: Ein Rückgang im jüngsten Quartal ist oft nur ein Meldeverzug. Vergleiche über mehrere Jahre sind belastbarer als der Blick auf das letzte Quartal. Hinzu kommt, dass die Länderauswertung nicht immer denselben Stand hat wie die Quartalsgrafik. Die Aufschlüsselung nach Herkunftsländern summiert sich für das erste Quartal 2026 noch auf die ursprünglichen 50,5 Tonnen.
Was die Statistik nicht misst
Importmenge ist nicht gleich Verbrauch. Ein Teil der eingeführten Ware wird wieder ausgeführt, ein Teil liegt auf Lager, ein Teil wird vernichtet. Die Bundesregierung nannte 2022 als Anhaltspunkt für den tatsächlichen Bedarf die Mengen, die Apotheken bestellen: 2021 waren das rund 9 Tonnen Blüten. Für 2023 teilte das BfArM mit, dass Apotheken rund 19 Tonnen erhielten, während die Importgrafik für dasselbe Jahr etwa 32 Tonnen Blüten und umgerechnete Extrakte ausweist und in Deutschland zusätzlich 1,7 Tonnen angebaut wurden.
Diesen Abgleich gibt es seit dem 1. April 2024 nicht mehr. Seitdem melden Apotheken der Bundesopiumstelle nicht mehr, wie viel Medizinalcannabis sie erworben haben. Für die Jahre mit den stärksten Zuwächsen fehlt damit die Zahl, die dem tatsächlichen Verbrauch am nächsten käme.
Die Statistik enthält außerdem keine Angaben zu Patient:innen, Rezepten oder Preisen. Sie unterscheidet nicht zwischen Ware für Kassen- und für Privatrezepte und erfasst keine Extrakte mehr. Inländisch angebaute Blüten tauchen in ihr ebenfalls nicht auf.
Auch die Ausfuhren wachsen
Deutschland führt Cannabisblüten inzwischen auch aus. Nach der BfArM-Grafik waren es 2024 rund 7,4 Tonnen und 2025 rund 6,4 Tonnen, im ersten Quartal 2026 rund 1,5 Tonnen. Ausfuhren erfordern ebenfalls eine Erlaubnis nach § 4 MedCanG. Im Verhältnis zu den Einfuhren bleibt die Menge klein.
Einordnung
Die Importstatistik ist die einzige amtliche Zahlenreihe, die den deutschen Markt für Medizinalcannabis über mehrere Jahre abbildet. Sie zeigt zuverlässig die Richtung: deutlich mehr Ware seit 2024, mit Kanada und Portugal als wichtigsten Lieferländern, wie die Übersicht zu den Importländern zeigt.
Für Aussagen über Patientenzahlen oder Versorgungslücken braucht es andere Quellen, etwa die Abrechnungsdaten der Krankenkassen. Was sich daraus ableiten lässt und was nicht, beschreibt der Beitrag zu den Patientenzahlen in Deutschland. Wer Meldungen über neue Rekordmengen liest, sollte drei Dinge prüfen: welcher Datenstand gemeint ist, ob nur Blüten gezählt werden und ob ein Quartal schon vollständig gemeldet ist. Die rechtlichen Grundlagen erklärt der Lexikonartikel zum Medizinal-Cannabisgesetz.
Quellen
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): FAQ Medizinisches Cannabis: Einfuhr und Ausfuhr (mit Grafiken zu Einfuhren und Ausfuhren)
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): Medizinalcannabis: Importmengen steigen weiter an ·
- Deutscher Bundestag: Antwort der Bundesregierung: Anbau und Import von medizinischem Cannabis in Deutschland, Drucksache 20/4755 ·
- krautinvest.de: Apotheken erhalten 2023 rund 19 Tonnen Cannabis, 1,7 Tonnen in Deutschland produziert
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