Warum es Hunderte Cannabissorten gibt und was Namen verraten
Mehr als 1.300 Cannabissorten sind in Deutschland erhältlich. Warum das Angebot so groß ist, was Sortennamen aussagen und wie Studien sie einordnen.
In deutschen Apotheken sind nach einer Marktanalyse der Versandapotheke Mycare mehr als 1.300 Cannabissorten von 58 Herstellern erhältlich. Die Vielfalt entsteht durch Züchtung und durch Hersteller, die jeweils eigene Genetiken und Markennamen anbieten. Das Europäische Arzneibuch kennt dagegen nur drei Typen, unterschieden nach dem Verhältnis von THC zu CBD. Große Studien zeigen zudem, dass Sortennamen und die Etiketten „Indica“ und „Sativa“ wenig über die tatsächliche chemische Zusammensetzung aussagen.
Wie groß das Angebot ist
Die Zahlen stammen aus einer Auswertung, die Mycare im November 2025 veröffentlichte. Danach verteilten sich die mehr als 1.300 Sorten sehr ungleich auf die 58 Hersteller. Die drei größten Sortimente hatten die deutschen Unternehmen Remexian mit 203 Sorten, Cantourage mit 107 und Cannamedical mit 104 Sorten. Am anderen Ende standen kleinere Anbieter mit ein bis drei Sorten.
Der THC-Gehalt der untersuchten Blüten reichte von 1 bis 37 Prozent. Nach der Einteilung der Hersteller lag er bei Sativa-Sorten im Mittel bei 21,9 Prozent, bei Indica-Sorten bei 23 Prozent und bei Hybriden bei 23,8 Prozent. Die drei Etiketten unterscheiden sich beim THC also kaum. Es handelt sich um eine Unternehmensanalyse, keine amtliche Erhebung; ein öffentliches Register aller in Deutschland vertriebenen Sorten gibt es nicht.
Warum es so viele Sorten gibt
Ein Grund liegt in der Marktstruktur: Viele Hersteller bieten jeweils ein eigenes Sortiment unter eigenen Namen an, und mit dem Markt wächst die Zahl der Produkte. Ein Beispiel aus Deutschland: Als die Tilray-Tochter Aphria 2024 ihre neue Anbauerlaubnis erhielt, kündigte sie an, die Zahl ihrer in Deutschland angebauten Sorten von drei auf 31 zu erweitern.
Die Vielfalt ist dabei einseitig. Die meisten Sorten zielen auf hohe THC-Gehalte, Blüten mit viel CBD sind deutlich seltener. Für den US-Markt führen Smith und Kolleg:innen die geringe Vielfalt bei CBD-reichen Sorten auf die jahrzehntelange Züchtung auf hohe THC-Gehalte zurück. Biologisch spreche nichts dagegen, auch CBD-reiche Sorten mit ebenso vielfältigen Terpenprofilen zu züchten, weil die Gene für Terpene und Cannabinoide weitgehend unabhängig voneinander vererbt werden.
Was das Arzneibuch unterscheidet
Für die pharmazeutische Qualität spielt der Sortenname keine Rolle. Die Monografie 3028 des Europäischen Arzneibuchs teilt Cannabisblüten nach ihrem Gesamtgehalt an THC und CBD in drei Typen ein:
- THC-dominant: mindestens 5,0 Prozent THC, höchstens 1,0 Prozent CBD
- Zwischentyp: mindestens je 1,0 Prozent THC und CBD
- CBD-dominant: höchstens 1,0 Prozent THC, mindestens 5,0 Prozent CBD
Auch die Identitätsprüfung in der Apotheke ordnet Blüten nur diesen drei Gruppen zu. Das Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker verlangt deshalb für Schnelltests sowohl einen THC- als auch einen CBD-Nachweis. Ob eine Blüte „Indica“ oder „Sativa“ heißt, prüft niemand, weil es sich um keine messbare Eigenschaft handelt.
Was große Studien über Sortennamen zeigen
Die nach eigenen Angaben bislang größte Analyse kommerzieller Cannabisblüten veröffentlichten Smith und Kolleg:innen 2022 in PLOS ONE. Sie werteten Labordaten von 89.923 Blütenproben aus sechs US-Bundesstaaten aus, die Produzenten für die gesetzlich vorgeschriebene Prüfung eingereicht hatten. Die Proben stehen damit für Ware, die tatsächlich in den Handel ging. Gemessen waren Cannabinoide und Terpene, die Duftstoffe der Pflanze. 96,5 Prozent der Proben waren THC-dominant, nur 2,2 Prozent ausgeglichen und 1,4 Prozent CBD-dominant.
Innerhalb der THC-dominanten Proben fanden die Forschenden über das Terpenprofil einige wiederkehrende chemische Gruppen. Die gängigen Etiketten, also Indica, Sativa, Hybrid und die Sortennamen, passten aber nicht durchgängig zu diesen Gruppen. Einzelne Bezeichnungen zeigten zwar eine Tendenz zu bestimmten Profilen, verlässlich vorhersagen ließ sich die Zusammensetzung aus dem Namen nicht. Einschränkend gilt: Die Daten stammen aus verschiedenen Laboren und ausschließlich aus dem US-Markt; regionale Unterschiede lassen sich nicht sicher von Laborunterschieden trennen.
Eine zweite Studie ging der Frage genetisch nach. Watts und Kolleg:innen werteten 2021 in Nature Plants 297 Proben aus, bei denen zuvor 40 Terpene und Cannabinoide per Gaschromatographie gemessen worden waren, und bestimmten bei über 100 davon mehr als 100.000 genetische Marker. Als Indica und als Sativa bezeichnete Proben ließen sich genomweit nicht unterscheiden. Die Etiketten hingen lediglich mit wenigen Terpenen zusammen, deren Menge von einer kleinen Gruppe von Terpensynthase-Genen gesteuert wird. Zu berücksichtigen ist, dass der Cannabishersteller Bedrocan die Studie finanzierte und zwei Mitautoren dort beschäftigt waren.
Was Indica und Sativa ursprünglich bedeuten
Die Begriffe erinnern an die botanischen Namen Cannabis sativa und Cannabis indica. Im heutigen Handel beschreiben „Indica“ und „Sativa“ vor allem Wuchsform, Aroma und die Wirkung, die Hersteller und Konsument:innen einer Sorte zuschreiben. Watts und Kolleg:innen betonen, dass diese umgangssprachlichen Etiketten nicht mit den taxonomischen Unterarten verwechselt werden sollten. Der CannArzt-Lexikonartikel zu Indica beschreibt, wie die Einteilung in der Praxis verwendet wird.
Was das für Patient:innen bedeutet
Für die Auswahl einer Sorte sind die geprüften Angaben aussagekräftiger als der Name oder das Etikett. Dazu gehören der Gehalt an THC und CBD und, sofern der Hersteller ihn angibt, das Terpenprofil. Wenn eine Sorte nicht lieferbar ist, notieren Sie diese Werte und besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt eine Alternative mit ähnlicher Zusammensetzung. Eine Übersicht mit Gehaltsangaben finden Sie in unserer Sortenliste, Hintergrund zu den Duftstoffen im Lexikonartikel Terpene.
Quellen
- PLOS ONE: The phytochemical diversity of commercial Cannabis in the United States (Smith CJ, Vergara D, Keegan B, Jikomes N), PLOS ONE 17(5): e0267498 ·
- Nature Plants: Cannabis labelling is associated with genetic variation in terpene synthase genes (Watts S et al.), Nature Plants 7
- National Agency for Cannabis Control (Albanien): Ph. Eur. Monograph 3028: The technical requirements of the European Pharmacopoeia for medical cannabis flower
- Zentrallaboratorium Deutscher Apotheker: Praxishilfe zu alternativen Identifizierungsverfahren von Cannabisprodukten
- APOTHEKE ADHOC: Medizinalcannabis: 58 Anbieter, 1300 Sorten ·
- krautinvest.de: Tilray, Aurora, Demecan: Cannabis-Produzenten in Deutschland erhalten neue Lizenzen und erweitern Kapazitäten ·
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