Israel: Vom Lizenzsystem zum Rezept über die Krankenkasse
Israel erlaubt Medizinalcannabis seit 1992. Seit 2024 verordnen dort auch Ärzt:innen der Krankenkassen. Wie das Lizenzsystem funktioniert und was sich änderte.
Israel gehört zu den ersten Ländern, die Cannabis für medizinische Zwecke zugelassen haben: Seit 1992 ist die Behandlung unter bestimmten Bedingungen möglich. Lange lief der Zugang fast nur über eine Lizenz des Gesundheitsministeriums. Seit April 2024 dürfen bei vielen Erkrankungen auch Ärzt:innen der Krankenkassen ein Rezept ausstellen, bei chronischen Schmerzen und posttraumatischer Belastungsstörung bleibt es bei der Lizenz (Stand: Oktober 2026).
Rechtliche Grundlage: Cannabis bleibt ein „gefährlicher Stoff“
Rechtlich ist Cannabis in Israel nach der Dangerous Drugs Ordinance von 1973 ein verbotener Stoff. Erlaubt ist der Gebrauch nur mit einer Lizenz oder einem Rezept. Die Befugnis, Lizenzen zu erteilen, liegt beim Generaldirektor des Gesundheitsministeriums, der sie an die dortige Abteilung für Medizinalcannabis delegiert. Diese Abteilung, die Medical Cannabis Unit, hat die Regierung als staatliche Stelle im Sinne des UN-Einheitsübereinkommens über Suchtstoffe eingerichtet.
Bemerkenswert nüchtern ist die Einleitung der zentralen Verwaltungsvorschrift, der Procedure 106. Dort hält das Ministerium fest, dass Cannabis kein registriertes Arzneimittel ist und seine Wirksamkeit und Sicherheit nicht nachgewiesen sind. Zugleich gebe es Hinweise, dass es Menschen mit bestimmten Erkrankungen helfen und ihr Leiden lindern könne.
Die „Medikalisierung“ ab 2016
Eine Übersichtsarbeit im Journal of Cannabis Research, die die monatlichen Berichte der Medical Cannabis Unit von 2011 bis 2025 auswertet, beschreibt mehrere Umbrüche. Im Juni 2016 beschloss die Regierung mit der Resolution 1587 den Rahmen für die sogenannte Medikalisierung. Zu diesem Zeitpunkt gab es rund 19.932 aktive Lizenzen. Im Februar 2019 trat die Reform vollständig in Kraft; die Zahl der Lizenzen lag nun bei 50.136.
Mit der Reform änderte sich auch die Preisbildung. Bis Ende April 2019 galt ein staatlich festgelegter Monatspreis, unabhängig von der erlaubten Menge. Seit Mai 2019 bezahlen Patient:innen pro Produkt in der Apotheke, und die Apotheken dürfen ihre Preise selbst festlegen. Cannabis gehört nach Angaben des Ministeriums nicht zum Leistungskatalog der Krankenkassen.
Zwei Wege zur Lizenz
Der klassische Weg führt über eine Fachärztin oder einen Facharzt. Wer in einem der anerkannten Fachgebiete tätig ist und eine Cannabistherapie befürwortet, stellt einen ausführlich begründeten Antrag bei der Medical Cannabis Unit. Hausärzt:innen dürfen das nicht. Laut Ministerium dauert die Prüfung im Schnitt eine Woche, die Entscheidung kommt per E-Mail.
Seit 2020 gibt es zusätzlich speziell geschulte Ärzt:innen, die selbst Lizenzen erteilen dürfen. Ärzt:innen in Privatpraxen gehören nicht dazu. Jede Lizenz ist an eine ärztliche Begleitung gebunden, die mindestens einmal im Jahr stattfinden muss. Für diese Begleitung in der Krankenkasse fällt nach Angaben des Ministeriums eine pauschale Zuzahlung an; die Kosten für das Cannabis selbst tragen Patient:innen, weil es nicht zum Leistungskatalog gehört.
Die Reform von 2024: Rezepte über die Krankenkassen
Eine Änderung der Verordnung über gefährliche Stoffe von 2023 ermöglicht Ärzt:innen im öffentlichen Gesundheitssystem, Cannabis per Rezept zu verordnen. Die Procedure 106 nennt dafür einen festen Katalog: aktive Krebserkrankung oder laufende Tumortherapie, nachgewiesene aktive chronisch-entzündliche Darmerkrankung, AIDS, Multiple Sklerose, Parkinson, Tourette-Syndrom bei Erwachsenen, Epilepsie, Erkrankungen im Endstadium mit einer Lebenserwartung von höchstens sechs Monaten, Autismus-Spektrum-Störung und Demenz.
Laut der Übersichtsarbeit gilt dieses Modell seit April 2024. Chronische Schmerzen ohne Krebserkrankung und die posttraumatische Belastungsstörung blieben bei der Medical Cannabis Unit, also im Lizenzsystem. Gerade diese beiden Gruppen machen den größten Teil aus: Der Anteil chronischer Schmerzen an den Lizenzen stieg im Untersuchungszeitraum von 53 auf 63 Prozent, der Anteil der posttraumatischen Belastungsstörung von 9 auf 17 Prozent.
Patientenzahlen nach der Reform
Die Zahl der aktiven Lizenzen wuchs von 3.097 im Jahr 2011 auf einen Höchststand von 140.483 im Januar 2024. Bis März 2025 ging die Zahl der aktiven Lizenzen und Rezepte zusammen um 7,5 Prozent auf 129.900 zurück. Die Autoren vermuten strengere Prüfungen bei den Krankenkassen und Reibungsverluste bei der Umstellung als Gründe, können das aber nicht belegen.
Die Daten haben Lücken, auf die die Studie selbst hinweist. Für mehrere Monate fehlen Berichte, und seit der Reform weist das Ministerium nicht mehr aus, welcher Anteil der Patient:innen über die Krankenkassen und welcher über Lizenzen versorgt wird. Mehr als 94 Prozent der genutzten Produkte waren 2025 Blüten.
Importe aus Kanada
Israel ist für seine Forschung zu Cannabis bekannt, versorgt sich aber nicht allein aus eigenem Anbau. Importe hat die Regierung 2019 zugelassen, weil die Nachfrage schneller wuchs als das Angebot. Nach der Übersichtsarbeit werden ausschließlich Blüten eingeführt. Anfang 2024 beklagten heimische Produzenten bei der Regierung einen gesättigten Markt durch zu viele Importe, vor allem aus Kanada.
Was das für Patient:innen bedeutet
Für Patient:innen in Deutschland ist Israel vor allem als Vergleich interessant. Beide Länder haben den Zugang schrittweise geöffnet, Israel bindet ihn aber deutlich enger an Fachärzt:innen, feste Diagnosekataloge und eine jährliche ärztliche Kontrolle. In Deutschland gibt es keinen festen Indikationskatalog; welche Erkrankungen hier typischerweise behandelt werden, zeigt unsere Übersicht der Indikationen.
Ein konkreter Schritt für Reisende: Eine deutsche Verordnung berechtigt nicht zur Versorgung in Israel, und die Einreise mit Cannabis ist eine eigene Rechtsfrage. Klären Sie vor einer Reise mit der israelischen Botschaft, ob und unter welchen Bedingungen Sie Ihre Medikation mitnehmen dürfen.
Quellen
- Israelisches Gesundheitsministerium, Medical Cannabis Unit: Procedure 106: Licenses and Prescriptions for the Use of Cannabis Products (Update 7 January 2024) ·
- Israelisches Gesundheitsministerium: How to Request a Medical Cannabis Permit ·
- Journal of Cannabis Research: Medical cannabis in Israel: a comprehensive review of trends and regulations, 2011–2025 ·
- Israelisches Gesundheitsministerium: קנביס רפואי (Medizinalcannabis)
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