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A6 · Praxis-Werkzeug

ICD-10 → Cannabis-Relevanz

Anamnese-Schnell-Lookup für medizinisches Fachpersonal: Welche Diagnose-Codes haben aus aktueller Datenlage eine plausible Cannabis- Therapieoption? Klassifikation in vier Stufen, mit Quellen-Links zur eigenen Verifikation.

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F · Psychische Störungen

  • aufkommend

    auch: Opioid-Abhängigkeit, Opioid-Sucht, Substitutionsindikation

    Mehrere Studien (Capano 2020) zeigen Reduktion des Opioid-Verbrauchs unter Cannabis-Therapie. In der Suchtmedizin off-label, formal kontrovers diskutiert.

    Typische Substanz: Ausgewogene Sorten

  • aufkommend

    auch: Depression, Major Depression, depressive Phase

    Direkte antidepressive Wirkung von Cannabis ist nicht belegt. Patient:innen berichten Verbesserung von Schlaf, Schmerz und Antriebsverlust — typische Add-On-Indikation, keine Monotherapie.

    Typische Substanz: CBD-betont oder ausgewogene THC/CBD-Sorten, niedrig dosiert

  • auch: wiederkehrende Depression

    Ähnlich wie F32; bei rezidivierenden Phasen wird Cannabis fast ausschließlich als Add-On bei Schlaf- und Schmerzkomponente eingesetzt. SSRI/SNRI bleiben First-Line.

    Typische Substanz: CBD-betont oder ausgewogene Sorten

  • aufkommend

    auch: Phobie, soziale Phobie, Agoraphobie

    CBD zeigt in Kleinstudien anxiolytische Wirkung bei sozialer Phobie. THC-haltige Sorten können in höheren Dosen Angst paradox verstärken — Sortenwahl entscheidend.

    Typische Substanz: CBD-betont, niedrig-THC

  • aufkommend

    auch: Panikattacken, Panikanfälle

    CBD kann anxiolytisch wirken. THC dagegen kann Panik in höheren Dosen auslösen — Vorsicht. SSRI bleiben First-Line; Cannabis off-label nur bei Therapieresistenz.

    Typische Substanz: Reines CBD-Öl oder sehr niedrig dosiertes THC/CBD

  • auch: GAS, GAD, allgemeine Ängste

    BfArM-Begleiterhebung listet Angststörungen unter den fünf häufigsten Cannabis-Indikationen in Deutschland. Real-World-Daten zeigen Reduktion von Angstsymptomen, Schlafstörungen und Benzodiazepin-Bedarf.

    Typische Substanz: CBD-betont, optional ausgewogene THC/CBD-Sorten abends

  • auch: PTBS, PTSD, Trauma-Folgen

    PTBS gehört zu den am stärksten dokumentierten Cannabis-Indikationen weltweit. Mehrere RCT zeigen Reduktion von Albträumen, Hypervigilanz und Schlafstörungen. In den USA ist es eine zugelassene Veteranen-Indikation.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten, oft mit indica-dominantem Profil abends

  • auch: somatoforme Schmerzstörung, psychosomatisch

    Bei somatoformer Schmerzstörung kommt Cannabis als Add-On in Schmerzzentren zum Einsatz, wenn klassische Therapie unzureichend. Die psychotherapeutische Säule bleibt unverzichtbar.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten

  • experimentell

    auch: Magersucht

    Dronabinol wurde in kleinen Studien bei Anorexia versucht (Gewichtszunahme leicht erhöht), die Datenlage bleibt aber dünn und die psychische Komponente überwiegt. Off-label nur in spezialisierten Zentren.

    Typische Substanz: Dronabinol (Fertigarznei)

  • auch: Schlafstörung, Insomnie, Schlaflosigkeit

    Beobachtungsstudien und Real-World-Daten zeigen Verkürzung der Einschlafzeit und Verlängerung der Tiefschlafphase unter abendlich dosiertem THC/CBD. Bei Z-Substanz-Reduktion eine etablierte Strategie.

    Typische Substanz: Indica-betont, abendlich, niedrig titriert

  • experimentell

    auch: Autismus, Asperger, ASS

    Mehrere israelische und brasilianische Beobachtungsstudien (CBD-betont) berichten Verbesserung von Aggression, Schlaf und Angst bei Kindern mit ASS. In Deutschland off-label, Erstattung selten.

    Typische Substanz: CBD-betontes Vollspektrum-Öl

  • auch: ADHS, ADHD, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung

    Cannabis ist bei ADHS off-label, wird aber bei austherapierten Patient:innen eingesetzt. Real-World-Daten zeigen Verbesserungen bei innerer Anspannung, Schlaf und Komorbiditäten. Methylphenidat bleibt First-Line.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten oder CBD-betont

  • etabliert

    auch: Tourette, Tic-Störung

    Bei Tourette ist Cannabis eine etablierte Therapieoption. Kontrollierte Studien (Müller-Vahl) zeigen Reduktion der Tic-Frequenz. Empfehlung der Deutschen Tourette-Gesellschaft als Reservetherapie.

    Typische Substanz: THC-betont (Bedrocan-Klasse) oder Dronabinol

G · Nervensystem

  • etabliert

    auch: MS, Encephalomyelitis disseminata

    Sativex (Nabiximols) ist seit 2011 in Deutschland zur Behandlung der MS-Spastik zugelassen. Cannabis-Sorten werden zusätzlich gegen Schmerz, Schlafstörung und Spastik off-label eingesetzt.

    Typische Substanz: Sativex/Nabiximols (Fertigarznei) oder ausgewogene Sorten

  • etabliert

    auch: Anfallsleiden, Krampfleiden

    Bei Dravet- und Lennox-Gastaut-Syndrom ist CBD (Epidyolex) als Antiepileptikum zugelassen. Bei klassischer Epilepsie ist die Evidenz schwächer; Cannabis kommt als Add-On bei Therapieresistenz in Frage.

    Typische Substanz: Epidyolex (CBD-Fertigarznei) oder reines CBD-Öl

  • häufig

    auch: Migränekopfschmerz, chronische Migräne

    Beobachtungsstudien zeigen Reduktion der Migränetage um 30-50 % unter Cannabis-Therapie. Bei chronischer Migräne (≥15 Kopfschmerztage/Mt) eine etablierte Add-On-Option, vor allem bei Triptan-Versagen oder MOH-Risiko.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten, inhalativ bei Akutbedarf

  • aufkommend

    auch: Cluster, Bing-Horton-Neuralgie

    Real-World-Daten und Einzelberichte zeigen Linderung der Anfallsschwere. Standard bleibt Sumatriptan + Sauerstoff. Cannabis als Reserve bei Therapieresistenz.

    Typische Substanz: THC-betont, inhalativ

  • aufkommend

    auch: Trigeminus-Neuralgie, Gesichtsneuralgie

    Bei klassischer Trigeminusneuralgie bleiben Carbamazepin und Oxcarbazepin First-Line. Bei Therapieversagen wird Cannabis off-label als neuropathische Schmerz-Option eingesetzt.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten

  • auch: Karpaltunnelsyndrom, KTS, Sulcus-ulnaris-Syndrom

    Kausal hilft bei KTS oft nur die Operation. Cannabis kann bei chronisch-neuropathischer Schmerzkomponente eingesetzt werden, wenn OP nicht möglich oder Restbeschwerden bestehen.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten

  • auch: Polyneuropathie, PNP, Nervenschmerzen

    Cannabis hat moderate Evidenz bei neuropathischen Schmerzen (NNT ~6 in Cochrane-Meta-Analysen). Bei Polyneuropathien off-label, häufig nach Pregabalin-/Gabapentin-Versagen.

    Typische Substanz: Ausgewogene Sorten oder THC-betont

  • auch: Diabetes-Neuropathie, DPN

    Bei diabetischer PNP zeigt Cannabis in mehreren Studien Schmerzreduktion vergleichbar mit Pregabalin. Häufig Add-On nach Standardtherapie.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten

  • auch: chronische Schmerzen, Schmerzsyndrom

    Chronische Schmerzen sind die häufigste Cannabis-Indikation in Deutschland (BfArM-Begleiterhebung 2022, ~70 %). Solide Evidenz besonders bei neuropathischen und gemischten Schmerzbildern.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten, individuell titriert

K · Verdauungssystem

  • aufkommend

    auch: Crohn, CED

    Pilotstudien zeigen Symptomreduktion (CDAI-Score) und gesteigertes Wohlbefinden, ohne dass entzündliche Marker (Calprotectin) gesenkt werden. Klinisch oft als Begleittherapie bei Schmerz und Appetit.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten, bei Bedarf inhalativ

  • aufkommend

    auch: CU, CED

    Ähnlich wie Morbus Crohn: Beobachtungsstudien zeigen subjektive Verbesserung (Schmerz, Appetit, Stuhlfrequenz). Keine Evidenz für entzündungshemmende Wirkung; Standardtherapie bleibt unverzichtbar.

    Typische Substanz: CBD-betont oder ausgewogen

  • experimentell

    auch: Reizdarm, RDS, IBS

    Wenige kleinere Studien. Cannabis kann auf den enterischen Plexus wirken und Stuhlfrequenz/Krämpfe reduzieren. Off-label, vor allem bei begleitender Schmerz- oder Schlafkomponente.

    Typische Substanz: CBD-betont oder ausgewogen

M · Muskel-/Skelett

  • auch: Hüftarthrose, Hüftgelenksverschleiß

    Bei Arthrose-Schmerzen mit NSAR-Kontraindikation oder Opioid-Reduktion ist Cannabis eine Option. Studienlage spezifisch zur Coxarthrose dünn; Übertragung aus chronischer Schmerztherapie.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten

  • auch: Kniearthrose, Kniegelenksverschleiß

    Bei chronischen Knieschmerzen mit Opioid-Therapie wird Cannabis zunehmend zur Dosisreduktion eingesetzt. Belastete Patient:innen profitieren häufig auch von der schlaf- und stimmungsstabilisierenden Wirkung.

    Typische Substanz: Ausgewogene Sorten

  • aufkommend

    auch: Arthrose, Gelenkverschleiß

    Wie M16/M17: Add-On-Indikation bei chronischen Arthrose-Schmerzen, vor allem bei Multimorbidität.

    Typische Substanz: Ausgewogene Sorten

  • auch: Gelenkschmerz, Arthralgie

    Bei nicht-entzündlichen chronischen Gelenkschmerzen kommt Cannabis als Add-On in Frage, wenn Standardtherapie ausgeschöpft ist.

    Typische Substanz: Ausgewogene Sorten

  • häufig

    auch: Lumbalgie, Kreuzschmerz, Lumbago

    Bei chronischen unspezifischen Rückenschmerzen ist Cannabis eine etablierte Add-On-Therapie zur Schmerzreduktion und Opioid-Vermeidung. Multimodale Schmerztherapie bleibt der Standard.

    Typische Substanz: Ausgewogene Sorten

  • etabliert

    auch: Fibromyalgiesyndrom, FMS

    Fibromyalgie ist eine etablierte Cannabis-Indikation. RCT zeigen Verbesserung von Schmerz, Schlaf und Stimmung. Bei Pregabalin-/Duloxetin-Versagen klinisch häufig eingesetzt.

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten, oft niedrig dosiert

C · Onkologie

  • auch: Krebs, Tumor, Karzinom

    Cannabis ist bei Tumorschmerzen, Chemotherapie-induzierter Übelkeit und Kachexie etabliert. Sativex und Dronabinol haben hier Zulassungen oder etablierte Off-Label-Anwendung.

    Typische Substanz: Sativex, Dronabinol oder ausgewogene Sorten

R · Symptome / unklassifiziert

  • auch: Nausea, Emesis, Chemotherapie-Übelkeit

    Antiemetische Wirkung von THC ist seit den 1970er Jahren belegt. Nabilon und Dronabinol sind in mehreren Ländern zugelassen. In Deutschland off-label/Reservetherapie bei Therapieversagen.

    Typische Substanz: Dronabinol, Nabilon oder THC-betonte Sorten

  • auch: Kopfschmerzen, Cephalgie

    Bei chronischen Kopfschmerzen jenseits Migräne (z.B. Spannungstyp-Kopfschmerz, postraumatisch) ist Cannabis Off-Label-Reserve.

    Typische Substanz: Ausgewogene Sorten

  • auch: therapieresistenter Schmerz, austherapierter Schmerz

    Genau die Konstellation, für die das Cannabisgesetz konstruiert wurde: Patient:innen, die mit Standardtherapie nicht ausreichend versorgt sind, dürfen mit Privatrezept Cannabis erhalten.

    Typische Substanz: Individuell titriert, ausgewogene Sorten

  • etabliert

    auch: Appetitlosigkeit, Anorexie

    Dronabinol ist bei AIDS-bedingter Kachexie und Krebs-Kachexie zugelassen. THC-haltige Sorten erhöhen den Appetit zuverlässig — eine der ältesten klinisch belegten Cannabis-Wirkungen.

    Typische Substanz: Dronabinol oder THC-betonte Sorten

H · Auge

  • experimentell

    auch: Grüner Star

    Cannabis senkt den Augeninnendruck nur kurzzeitig (3-4 h) und ist deshalb laut American Academy of Ophthalmology nicht als Glaukom-Therapie geeignet. Standard bleiben Augentropfen.

    Typische Substanz: Off-label sehr selten

L · Haut

  • experimentell

    auch: Schuppenflechte

    Bei begleitender Psoriasisarthritis mit chronischen Schmerzen kann Cannabis ergänzend hilfreich sein. Topisch/systemisch bei Psoriasis vulgaris kaum belegte Wirkung.

    Typische Substanz: Ausgewogene Sorten bei Schmerzkomponente

N · Urogenital

  • häufig

    auch: Endometriose, endometriotische Schmerzen

    Endometriose-Schmerzen werden zunehmend mit Cannabis behandelt. Real-World-Daten zeigen Reduktion von Schmerz, NSAR-Bedarf und Opioidkonsum. Spezifisch dafür entstandene Telemedizin-Anbieter (z.B. The Sanary).

    Typische Substanz: Ausgewogene THC/CBD-Sorten, individuelle Zyklus-Anpassung

  • auch: Wechseljahre, Menopause-Symptome

    Erste Beobachtungsdaten zeigen Linderung von Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen und Hitzewallungen. Hormonersatztherapie bleibt First-Line.

    Typische Substanz: CBD-betont oder ausgewogen

Hinweis zur Klassifikation

„etabliert" bedeutet nicht, dass eine Zulassung nach AMG vorliegt. Viele Cannabis-Verordnungen erfolgen außerhalb zugelassener Anwendungsgebiete (Off-Label); für die Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenversicherung gelten die Regeln des § 31 Abs. 6 SGB V (seit 30.07.2026 ohne Blüten). „etabliert" bezieht sich auf die Häufigkeit der Verordnung in der BfArM-Begleiterhebung 2017–2022 und die Studienlage.